Bindegewebe als energetisches und Informations-Kontinuum
von James L. Oschman, Ph.D.
Zusammenfassung:
Wer sich für Faszien und Bindegewebe interessiert, erhält gele-
gentlich Einblicke in bemerkenswerte Phänomene, die an die Grenzen der Wahrnehmung stossen und mit wissenschaftlichen Begriffen nicht erklärbar scheinen. Dieser Artikel betrachtet eine Anzahl solcher Phänomene, die uns Einblicke in die Rolle des Bindegewebes/der lebenden Matrix gewähren als einem Medium für den Fluss von Energien, nicht-neurale Kommunikation und ´Bewusstsein`, das den ganzen Menschen umfasst. Beispiele für Gipfelerfahrungen in der Therapie und in menschlicher Leistungs-
fähigkeit im allgemeinen, den östlichen Kampfkünsten, Continuum Movement und neueren Forschungen über Akupunktur dienen dazu, eine einleuchtende Erklärung für Phänomene zu entwickeln, die in der Vergangenheit schwer fassbar waren. Die daraus hervorgehenden Konzepte haben praktische Implikatio-
nen für alle Therapeuten, Virtuosen jeder Richtung und für das Verständnis von Traumata.
Einführung:
Uns alle haben Erfahrungen aus der Arbeit mit Faszien und anderen Teilen des Bindegewebssystems fasziniert. Wer nach Erklärungen sucht, was geschieht, wenn man mit dem Binde-
gewebe in Beziehung tritt, kann viele wertvolle Informationen in der wissenschaftlichen Literatur finden, denn dieses Thema hat Generationen von Wissenschaftlern beschäftigt. Im Laufe der Jahre habe ich versucht, der Gemeinschaft der Körpertherapeu-
ten einige dieser Informationen mittels verschiedener Artikel und Bücher zugänglich zu machen (s. Anhang). Aber wenn wir genau-
er hinschauen, fühlen wir, dass etwas lebenswichtiges fehlt, dass es tiefere Ebenen der Weisheit gibt, die gerade jenseits unserer Wahrnehmung und unserer üblichen analytischen Instru-
mente liegen. In diesem Artikel möchte ich einige dieser tieferen Ebenen von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachten.
Anfänge einer Untersuchung:
Die Gemeinschaft des Rolfing®/der Strukturellen Integration hat eine Schlüsselrolle in dieser Forschung gespielt. Für mich begann die Entwicklung, als Peter Melchior die Forschung von Harold Saxton Burr zusammenfasste, einem Professor an der Yale School of Medicine. Zwischen den 1930er und 1950er Jahren veröffentlichte Burr eine Reihe wichtiger Schriften über biologi-
sche Elektrizität und ihre Implikationen für Diagnose und Behandlung. Aber noch interessanter als die Forschung selbst war die Tatsache, dass die wissenschaftliche und medizinische Gemeinschaft seine Entdeckungen im wesentlichen ignorierte. Ein paar Kritiken an Burrs Arbeit wurden veröffentlicht, und eine Gruppe war nicht imstande, einige von Burrs Entdeckungen zu replizieren. Aber seine Arbeit wurde nie ihrer Bedeutung gemäß behandelt. Den Mangel an akademischem Interesse fand ich genauso bemerkenswert wie die Ergebnisse selbst. Ich hatte naiverweise angenommen, dass andere Wissenschaftler meinen Durst nach innovativen Konzepten und Daten teilten, die neue Forschungszugänge eröffnen konnten. Daraus erkannte ich, dass:
es unterschiedliche Weisen gibt, wie die wissen-
schaftliche Gemeinschaft mit neuen wissenschaft-
lichen Konzepten umgeht. Ein Durchbruch kann mit offenen Armen aufgenommen und rasch zu einem
neuen und produktiven Forschungsgang entwickelt werden. Dies geschieht sehr selten. Eine zweite Vorgehensweise beinhaltet sorgfältige intellektuelle Analyse des Konzepts und ihre Akzeptanz oder Zurückweisung aus logischen Gründen. Obgleich wir
diese Vorgehensweise als Gütezeichen echter Wissen-
schaft erwarten, wird sie traurigerweise wahr
genommen. Ein dritter und sehr häufiger Umgang,
der gut zu einer bequemen und wenig aufnahme-
bereiten Geistesverfassung passt, besteht darin,
die neue Arbeit einfach zu ignorieren.
Einige neuere Diskussionen beschleunigten die Entwicklung des Bildes, das ich hier zusammenfassen werde. Im Juni 1999 stellte Emmett Hutchins eine Frage über die Ergebnisse von Valerie Hunts Studie mit verschiedenen Tänzern, einschließlich Emilie Conrad. Dr. Hunt verfügte über ein telemetrisches elektromyo-
graphisches System, das sie in ihren berühmten Studien über die Wirkung des Rolfing® (Hunt und Massey 1977a) anwandte. Dieses System benutzt Elektroden, um die elektrische Aktivität an Muskelpunkten des Körpers zu ermitteln. Es handelt sich hierbei um Punkte auf der Haut, die Synapsen von motorischen Nerven mit den Muskeln, gerade oberhalb der myoneuralen Verbindungen. Dr. Hunt war in der Lage zu bestimmen, welche Muskeln die Testpersonen bei Bewegungen benutzten, indem sie diese elektrischen Aktivitäten abnahm und sie drahtlos an ein Aufnahmesystem sandte. Die Testpersonen wurden vor und nach dem Rolfing® gebeten, Treppen zu steigen, Bälle zu werfen etc. Unter anderem dokumentierten die aufgezeichneten myographi-
schen Muster Änderungen in der Effizienz von Bewegungen nach dem Rolfing®. Diese Studie wurde in Psychoenergetic Systems (Hunt und Massey 1977b) veröffentlicht.
Eine andere Art von Bewegung
Die Ergebnisse mit den Tänzern wurden in Dr. Hunts Buch Infinite Mind, The Science of Human Vibrations (Hunt 1989) wiedergegeben. Offensichtlich hatte Dr. Hunt eine Art von Bewegung beobachtet, die sich sehr von den neuromuskulären Phänomenen unterschied, die so gut in der physiologischen Literatur beschrieben sind. Unter anderem scheint diese andere Art von Bewegung anstrengungslos zu sein, scheint unsere gewohnten Konzepte über ´Bewegungsspielraum` in Frage zu stellen und beinhaltet nicht die übliche neuromuskuläre Aktivie-
rung an den motorischen Endplatten, wie sie mit der Elektromyo-
graphie gemessen werden. Die Bewegungsmuster unterstehen, falls überhaupt, geringer bewusster Kontrolle. Man muss sich in einen anderen Bewusstseinszustand hinein entspannen, um sie zu erleben. Eine Art von nicht-neuraler Aktivierung der Muskula-
tur scheint beteiligt zu sein. Emilie Conrad hat diese Entdeckun-
gen in einer bemerkenswerten Vorgehensweise angewandt, die Menschen mit Rückenmarksverletzungen hilft, sich wieder zu bewegen, obwohl ihr Rückenmark durchtrennt war. Ihr Erfolg zeigt, dass es im Körper ein anderes Kommunikationssystem gibt, ein System, das kein intaktes Nervensystem erfordert. Hunts Erkenntnisse waren so außergewöhnlich, dass sie falsch sein mussten. Die Wissenschaftler hatten kein Interesse daran, sie weiter zu verfolgen. So weit ich weiß, gab es keine Anstreng-
ungen, Hunts faszinierende elektromyographische Studien zu wiederholen.
Es dauerte über ein Jahr, Emmetts Frage auf den Grund zu gehen. Schrittweise fügte ich eine logische Erklärung zusammen, die die Grundlage für weitere Forschungen und Diskussionen bieten kann. Hoffentlich wird dieser Artikel solch eine Diskussion anregen.
Der Grundpfeiler dieser Untersuchung war die Erfahrung mit Emilie Conrads evolutionärer Bewegungsarbeit, die sie Continuum Movement nennt. Emilies Ansatz stammt zum Teil aus Erfahrungen, die sie und Dr. Hunt in einem isolierten Zimmer der UCLA hatten. Die Zimmerwände schirmten alle normalen elektromagnetischen Felder ab, die wir in unserer Umgebung antreffen. Ohne diese Felder fiel es ihnen sehr schwer, ihre Körper zu bewegen.
Von Emelies Arbeit und von ihrem Verständnis her, was da vor sich geht, hat man den Eindruck, dass die sich rhythmisch wandelnden Energien in der Umgebung, wie die geomagneti-
schen, geoelektrischen, solaren und Gravitationsfelder, imstande sind, rhythmische Bewegung in Gang zu setzen und zu energeti-
sieren. Diese Bewegung untersteht üblicherweise keiner bewuss-
ten Kontrolle. Sie scheint nicht vom Nervensystem reguliert zu werden, zumindest nicht in der Art, wie wir über das Nervensy-
stem zu denken gelernt haben. Sie wird nicht auf den klassischen biochemischen Bahnen energetisiert, die die Aufspaltung von hoch energetischen chemischen Verbindungen in Adenosin Triphosphat (ATP) oder Kreatin Phosphat (CP) beinhalten.
Zwei Arten von Bewusstsein
Im folgenden werde ich zwei Arten von ´Bewusstsein` beschrei-
ben. Eine ist unser ´gewöhnliches` neurologisches Bewusstsein. Wir bauen ein Bild von unserer Welt und unserem Ort darin auf (oder wählen es aus), indem wir die Muster der Nervenimpulse analysieren, die aus unseren verschiedenen Sinnesorganen stammen. Unsere Sensoren überwachen ihrerseits kontinuierlich unsere innere und äußere Umgebung.
Beachten Sie bitte, dass Wörter wie `Sinn´ und `Bewusstsein` üblicherweise dazu benutzt werden, neurologische Vorgänge zu beschreiben. Ich verwende diese Begriffe, um Eigenschaften und Arbeitsweisen eines anderen Systems zu beschreiben, das nicht neurologisch ist und das daher nicht auf die selbe
Weise´bewusst gespürt` wird, wie wir es üblicher
-weise von Empfindung´denken`. Dieses anderen Systems werden wir in den seltenen Augenblicken aussergewöhnlicher Wahrnehmung und Bewegung
gewahr. Mit einiger Vorbereitung werden wir uns
dieses Systems jedoch bewusster und verwenden
es bei allen Aktivitäten.
Die hier diskutierten Konzepte mögen wegen der Weise, wie wir gewöhnlich wahrnehmen und über unsere Welt denken, schwer zugänglich sein. Unsere hauptsächliche Art bewussten Denkens ist neurologisch. Wissenschaftler entwerfen und führen ihre Experimente auf der Grundlage einer Welt durch, die sie aus ihren Sinneseindrücken und ihrer logischen, überlegten Analyse dieser Eindrücke aufbauen. Oder zumindest ´denken` sie, dass sie das täten. Aber der erfahrene Wissenschaftler wird die Be-
deutung von Intuition und Einsicht bei seiner Vorgehensweise einräumen. Man stellt sich vor, Intuition und Einsicht entsprän-
gen dem ´Unbewußten`, was immer das sei. Ich glaube, dass das System, über das wir sprechen, der Ort ist, wo das Unbe-
wusste wohnt. Ich glaube, dass wir jetzt den Sitz des schwer fassbaren ´Unbewußten` gefunden haben, das der lebenden Matrix inne wohnt. Es ist nicht nur im Nervensystem.
Es stellt eine Herausforderung dar, mit einer anderen Art von ´Bewusstsein` Kontakt aufzunehmen, das nur an den fließenden Grenzen der Wahrnehmung oder während außerordentlicher Handlungen erfahren wird. Nichts desto weniger glaube ich, dass es solch eine andere Art von Bewusstsein gibt, und dass wir un-
sere Welt viel klarer begreifen können, wenn wir es erforschen.
Diese zweite Art von ´Bewußtsein` ist viel schneller als neurolo-
gisches Bewusstsein. Es ist daher fähig, Aspekte unserer inneren und äußeren Umgebung zu analysieren und zu interpretieren, bevor wir uns ihrer bewusst ´gewahr` sind. Mit anderen Worten, es gibt eine Erfahrungswelt, die unmittelbar vor der Formung eines mentalen Weltbilds liegt und auch bevor wir bewusst Bewegungen als Antwort auf dieses mentale Bild initiieren.
Da ich noch keinen Namen für dieses Phänomen bestimmt habe, beziehe ich mich beschreibend auf es als ´Bindegewebe`-, ´Matrix`- oder ´Kontinuum`-Bewusstsein. Diese Form von ´Gewahrsein` entsteht innerhalb des kontinuierlichen lebenden Matrixsystems, das die Bindegewebsarten und Kern-Matrices der Zellen im ganzen Körper beinhaltet (Zeichnung 1).
Hypothese: Bindegewebe-, Matrix- oder Kontinuum-
Bewusstsein entsteht, weil die lebende Matrix ein Hochgeschwindigkeits-Halbleiter-Kommunikations-
Netzwerk ist. Die lebende Matrix ist ein erregbares Medium, das fähig ist, Signale hervor zu bringen
und fortzupflanzen. Sie ist ein ganz-körperliches, integriertes Leitungssystem von ungeheurer Feinheit;
sie kann weitaus mehr Information aufnehmen,
verarbeiten und speichern, als es das Nervensystem
auch nur im entferntesten könnte. Die lebende
Matrix ist ein Energiesystem, das fähig ist, Energie
und Information aus der Umgebung aufzunehmen,
diese Energie zu speichern und sie an irgendeinem
Punkt in Zeit oder Raum freizusetzen (oder an allen Punkten, s. unten).
Zeichnung 1 Zeichnung 2
Tatsächlich hält die lebende Matrix eine Vielzahl lebender Zyklen von Energie und Information aufrecht. Dies wird in Zeichnung 2 illustriert, die aus einem Aufsatz von Mae-Wan Ho stammt: The Biology of Free Will (Ho, 1996).
Mae-Wan Hos ausgezeichnete Artikel, alle über das Internet verfügbar, fassen die Eigenschaften des Systems aus der Perspektive der Flüssigkristallinizität zusammen:
Flüssigkristallinizität gibt Organismen ihre charakteristische Flexibilität, aussergewöhn-
liche Empfindsamkeit und Reagibilität und
optimiert so die schnelle, geräuschlose Inter-
kommunikation, die es dem Organismus erlaubt,
als koordiniertes, zusammenhängendes Ganzes
zu wirken.
Ho, 1999
Die Arten, wie Bindegewebe oder Kontinuum-Bewußtsein sich auf das Nervensystem bezieht, ist in Zeichnung 3 zusammen-
gefasst.
Zeichnung 3
Die Illustration zeigt drei Bahnen, die Empfindungen mit Hand-
lungen verbinden. Die bekannteste ist der klassische Mechanis-
mus, bei dem ein Reiz einen sensorischen Rezeptor aktiviert und somit einen Impuls auslöst, der durch ein afferentes sensori-
sches Neuron zum Gehirn fließt. Wenn es passt, initiiert das Gehirn ein Signal, das mittels eines motorischen Neurons an einen spezifischen Muskel oder eine Muskelgruppe gesendet wird, um eine Antwort oder eine Aktion auszulösen. Ein Kurz-
schluss ist der spinale Reflex, der eine Muskelkontraktion aus-
lösen kann, bevor man des Reizes bewusst gewahr ist, so wie wenn die Hand von einer heißen Oberfläche zurückgezogen wird. Der schnellste von diesen Reflexbögen ist der monosynaptische Reflexbogen, in dem es nur eine einzige Synapse zwischen dem sensorischen und dem motorischen Nerv gibt. Die vorgeschlage-
ne Kontinuum- Bahn ist sogar noch schneller und beinhaltet die Leitung durch das erregbare Medium der lebenden Matrix. Das Signal pflanzt sich vom Zytoskelett der sensorischen Zelle un-
mittelbar durch das Bindegewebe fort zu den Myofaszien und dann in das Zytoskelett der Muskelzellen.
Das Zytoskelett der Muskelzelle ist eine myofilamente Anord-
nung, zusammengesetzt aus Aktin, Myosin und einigen anderen Proteinen. Wenn Energie und Information aus sensorischem input die Myofilamente erreichen, kann ein faszinierender Mecha-
nismus, der ´Reptation` genannt wird, eine Kontraktion bewir-
ken. Das ist eine Wellenbewegung von derselben Art, wie sie Schlangen und Erdwürmer gebrauchen, wenn sie sich durch Tunnels in der Erde bewegen. Das wird in Gerald Pollacks Buch Cells Gells and the Engines of Life (Pollack 2001). Zur weiteren Information über diesen alternativen Aktivierungsmechanismus siehe Energy Medicine in Therapeutics and Human Performance (Oschman 2003).
Ich vermute, dass das Matrix-Bewußtsein an den außergewöhn-
lichen Empfindungen und Handlungen beteiligt ist, die in lebens-
bedrohlichen Situationen stattfinden. Ich denke, dass es eben-
falls der Schlüssel für Spitzen- oder außergewöhnliche Leistun-
gen jeglicher Art ist. In beiden Beispielen ist das Nervensystem einfach zu langsam, um der hereinströmenden Information gewachsen zu sein, zu langsam auch für die Verarbeitung dieser Information, und zu langsam, Bewegungen zu initiieren. Mit anderen Worten, die Matrix kann die Umgebung sinnlich wahr-
nehmen, Information weiter verarbeiten und Handlungen in Gang setzen, bevor das neurologische Bewusstsein irgendeine be-
wusste Wahrnehmung dessen entwickelt hat, was geschehen ist.
Alle Handlungen entspringen einer Kombination dieser beiden Bewegungsarten. Für die meisten von uns werden unsere Bewe-
gungen in erster Linie durch unsere Neurologie initiiert. Wir ent-
scheiden bewusst, was zu tun ist, und wir tun es. Stoffwechsel-
prozesse versorgen unsere Bewegungen mit Energie, und wenn wir uns viel bewegen, werden wir müde.
Bei einiger Vorbereitung kann man das Gleichgewicht in Richtung auf Continuum Movement verschieben. Ein großer Teil der Ener-
gie und Information, die Bewegungen initiieren, stammt aus der Umgebung. Eine solche Bewegung ist leicht, natürlich und an-
strengungslos. Und sie kann viel schneller sein als eine Bewe-
gung, die die Neurologie initiiert.
Evolutionäre Aspekte
Ich vermute, dass das Matrix-Bewußtsein evolutionär viel älter ist als das nervöse System. Es beinhaltet integrierte Empfin-
dungs-Bewegung-Mechanismen, die in den ´einfachsten` Organ-
ismen gegenwärtig sind, den Bakterien und Protozoen und in all jenen Zellen, die von jenen ´einfachen` Lebensformen abstam-
men, einschliesslich unserer eigenen Zellen und Gewebe. Ich setze ´einfach` in Anführungszeichen, weil diese Lebensformen vollkommen in der Lage sind, ihre Umgebung sinnlich wahrzu-
nehmen und angemessen zu antworten, obwohl sie keine eigent-
lichen Nerven haben.
Hier ist ein einschlägiges Zitat aus Stuart Hameroffs faszinie-
render Abhandlung Die Neuron-Doktrin ist eine Beleidigung für Neuronen (Hameroff 1999):
Stellen Sie sich ein einzelliges Paramezium vor, das anmutig schwimmt, Räubern ausweicht, Nahrung
findet, sich paart und geschlechtlich verkehrt, all
das ohne eine einzige Synapse.
Zum komplexen Verhalten motiler Protozoen merkte
CS Sherrington (1951) an, ´von Nerven findet sich
keine Spur. Aber das Zellgerüst, das Zytoskelett,
mag ausreichen.` Wenn das Zytoskelett in Protozoen
so nützlich sein kann, was mag es dann in sehr
grossen parallelen Anordnungen (von Mikroröhrchen)
in Neuronen tun? Sind Neuronen im Vergleich zu
Protozoen dumm?
Hameroff 1999
Ich vermute, dass der erste Schritt in der Evolution des Nerven-
systems die Entwicklung eines Hilfsmittels in einzelligen Orga-
nismen war, die Umgebung sinnlich wahrzunehmen und auf sie zu reagieren. Der zweite Schritt fand wahrscheinlich in den ein-
fachen, Kolonien bildenden Organismen statt. Anfangs waren diese Kolonien zufällige Ansammlungen von Protozoen, die ihre Fähigkeit, unabhängig zu leben, beibehielten. Schrittweise wurden einige dieser Kolonien dauerhafter, weil das Leben in kooperativen Gruppen Vorteile bot. Der Begriff ´kooperativ` beinhaltet das Auftauchen einer Art rudimentären Kommunika-
tionssystems, das den Zellen ermöglichte, als ein kollektives Ganzes zu funktionieren. Als sich größere Kolonien entwickelten, verloren einige Zellen ihre Unabhängigkeit und spezialisierten sich auf verschiedene Schlüsselfunktionen wie Fortpflanzung, Nahrungsaufnahme, Verdauung, Kreislauf und Kommunikation. Das Nervensystem entwickelte sich aus solchen spezialisierten Zellen als Erweiterung der Matrix-Kommunikation, die zuvor existiert hatte.
Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass die Matrix-Kommunika-
tion völlig aufgegeben wurde, als die Zellen, die sich auf Kom-
munikation spezialisierten, das Aktionspotential entwickelten als ein Mittel, Signale von Zelle zu Zelle fort zu pflanzen. Mit ande-
ren Worten, ich sehe das Nervensystem als einen Ort an, wo beide Bewusstseinsarten statt finden, wobei das Matrix-System Informationen in den Neuronen vor den Aktionspotentialen übermittelt. Zum Beispiel wird das Lichtmuster, das die Netz-
haut registriert, sehr schnell über die zellulären und extrazellu-
lären Matrices an die visuelle Hirnrinde kommuniziert. Wir ´sehen` erst dann ein Bild, wenn die Aktionspotentiale ange-
langt sind. Aber die Zellen in der visuellen Hirnrinde wissen bereits, was kommt und haben bereits begonnen, das Bild zu analysieren und weiter zu verarbeiten. Ich vermute, dass diese Weiterverarbeitung auf der subzellulären Ebene stattfindet, innerhalb der lebenden Matrix.
Blind-Sichtigkeit
Blindsichtigkeit beweist, dass wir auf der Grundlage von Infor-
mationen, die unser bewusstes Gewahrsein nicht erreicht haben, in der Lage sind, wahr zu nehmen und zu handeln. Das Phäno-
men wurde während des 1. Weltkriegs dokumentiert. Einige Soldaten wurden auf eine Weise verletzt, die ihre visuelle Hirn-
rinde beschädigte oder zerstörte, so dass sie blind im üblichen Sinne waren. Erstaunlicherweise waren sie in der Lage, weiterhin Gefahren zu vermeiden und sich zu bewegen, ohne sich weiter zu verletzen, obwohl ihre normale Sehfähigkeit überhaupt nicht funktionierte. Das wurde schließlich ´Blindsichtigkeit` genannt.
Dieses Phänomen wurde in den 1970er Jahren bestätigt. Patien-
ten, deren Hirnbereiche, die visuelle Reize verarbeiten, beschä-
digt und die nicht imstande waren, irgend etwas in weiten Bereichen ihres Gesichtsfelds zu erkennen, waren dennoch in der Lage, auf Gegenstände zu zeigen, sie zu erfassen, mit ihnen umzugehen und ihre Orientierung zu beschreiben. Aber sie konnten diese Gegenstände nicht sehen. Als sie gefragt wurden, was in ihnen vorging, sagten diese Personen, dass sie definitiv nichts sehen konnten und dass sie daher rieten. Das bemerkens-
werte daran ist, dass sie jeweils zu 100% richtig rieten (Weiskrantz 1986).
Wir können nun eine einfache Erklärung für dieses Phänomen anbieten. Die lebende Matrix ist fähig, die Umgebung zu spüren, die Information zu verarbeiten und Handlungen zu bewirken. In einigen Fällen kann das so schnell geschehen, dass der ganze Vorgang abgeschlossen ist, bevor ein einziger Nervenimpuls die Hirnrinde erreicht hat. Klassische Beispiele hierfür ereignen sich in den östlichen Kampfkünsten, wie ich weiter unten beschreiben werde.
Wir können zwei Typen von Leitungen im Gehirn unterscheiden. Eine ist die verzweigte Karte der Neurologie, die Generationen von Neuroanatomen so sorgfältig erarbeiteten. Eine weitere ist eine sogar noch verzweigtere zellskelettale Matrix in all diesen Neuronen. Ich mag Hameroffs genaue und humorvolle Einsicht in die Situation:
Der gegenwärtige Stand der Neuron-Doktrin stellt
die Neuronen und chemischen Synapsen des Gehirns
als grundlegende Bestandteile in einem Computer-
ähnlichen Schaltkreis dar, der die Sicht von Hirn=
Geist=Computer unterstützt. Jedenfalls enthüllt eine
nähere Untersuchung, dass die individuellen Neuronen weitaus komplexer sind als einfache Schalter, mit
einer enormen Fähigkeit, intrazelluläre Information
zu verarbeiten (d.h. im innerenZellskelett). Die gegenwärtig moderne Neuron-Doktrin ist zu ober-
flächlich, als dass sie erklären könnte, wie das Hirn mentales Leben hervorbringt. Die Neurowissenschaft
wird nicht tief genug angewandt. Die Neuron-Doktrin berücksichtigt nur gewisse Aktivitäten an neuronalen Oberflächen und ignoriert innere Eigenschaften ein-
schliesslich der Tatsache, dass Neuronen lebende
Zellen sind. Jedes Neuron wird als eine black-box betrachtet, eine oberflächliche Darstellung, die ein wirkliches Neuron ähnlich gut wiedergibt wie eine aufblasbare Puppe einen wirklichen Menschen.
Ich schlage vor, dass das zelluläre neurale Netzwerk, gemein-
sam mit dem Rest des Körpergewebes, die ganze Zeit subtile Informationen verarbeitet, egal ob Nervenimpulse erzeugt wurden oder nicht. Der Kommunikationsprozeß beinhaltet ´conformationale Wellen`, die durch die mikroskopische Eiweiß-
struktur der Zellen wandern. Für nähere Einzelheiten, was unter ´conformationale Wellen` verstanden wird, siehe Oschman (2003).
Grenzen der Sinnesempfindung
Wir entwickeln das Bild eines ´vor-bewußten Bewusstseins` (das vielleicht als ´unbewußt` bezeichnet wurde), das sein eigenes ´Bild` von der Welt und unserem Ort darin hat. Dieses ununterbrochene Bewusstsein ´spürt`Ereignisse, die in unserer Umgebung statt finden und die zu schnell oder zu subtil sind, als dass das Nervensystem sie bestätigen könnte. Dies wurde von Tor Nørretranders in The User Illusion ausgezeichnet zusammengefasst:
Sekündlich enthüllt uns unser Bewusstesein einen winzigen Teil der 11 Millionen Bits an Information,
die unsere Sinne an unser Gehirn weiterleiten. Der Grossteil der Information geht an unser Unbewusstes. Vertrauen Sie Ihren Ahnungen und Intuitionen - sie
kommen der Wirklichkeit näher als Ihre wahrgenom-
mene Wirklichkeit, da sie auf weit mehr Informationen beruhen.
Tor Nørretranders (1998)
Emilie Conrad und ich folgerten, dass unser Nervensystem uns kein genaues Bild dessen gibt, was unsere Sinnessysteme tun. In der Neurowissenschaft haben wir das Konzept der Schwelle: die minimale Stärke eines Reizes, der erforderlich ist, um ein Aktionspotential in einem sensorischen Neuron hervorzurufen. Ein verwandtes psychophysikalisches Konzept ist das des gerade noch wahrnehmbaren Unterschieds, der Unterschiedsschwelle oder Unterscheidungsschwelle zwischen zwei unterschiedlichen Empfindungsintensitäten. Unserem Eindruck nach sind die tat-
sächlichen Wahrnehmungsschwellen, falls es solche gibt, weit unter dem Niveau, das nötig ist, um das Nervensystem aufzu-
rühren. So wie bei der Netzhaut, die ein einzelnes Photon oder eine einzelne Lichtwelle entdecken kann, erstreckt sich der Umfang all unserer Sinnessysteme bis hinunter zu der kleinsten messbaren Energieeinheit, zur Quantenebene.
Es stellt sich heraus, dass Forschungen, die vor über hundert Jahren durchgeführt wurden, enthüllten, dass dem so ist. Am 17. Oktober 1884 berichteten Charles Sanders Peirce und Joseph Jastrow der National Academy of Sciences, dass Menschen zwischen zwei Empfindungen unterscheiden können, die das Bewusstsein nicht auseinander halten kann. In ihren Studien platzierten sie u.a. Gewichte auf die Haut. Ähnlich wie bei den Blind-Sichtigen waren die Versuchspersonen in der Lage, richtig zu ´erraten`, welcher Reiz der stärkere war, obschon sie bewusst keinen Unterschied entdecken konnten (Pierce und Jastrow 1884).
Ein ´Betriebssystem`
Analog zu einem Computer ist die lebende Matrix das ´Betriebs-
system` des Körpers, das still und unsichtbar im Hintergrund aller Tätigkeiten des Organismus läuft. Unter anderem koordi-
niert und integriert dieses ´Betriebssystem` die Heilung von Verletzungen und Krankheiten. Die lebende Matrix erstreckt sich in jeden Teil unseres Nervensystems und reguliert daher das Nervensystem und nicht umgekehrt. Das Nervensystem reicht nicht in jeden Teil der lebenden Matrix, die lebende Matrix aber reicht allerdings in jeden Teil jedes Neurons.
Die lebende Matrix ist ein gut dokumentiertes materielles Sub-
strat innerhalb des Körpers. Sie ist deswegen gut dokumentiert, weil sie der Brennpunkt vieler moderner Forscher ist einschließ-
lich Zell- und Molekularbiologen, Membranbiologen und Zellphy-
siologen. Begrifflich verbindet die lebende Matrix die westliche Wissenschaft mit den verschiedenen komplementären und alter-
nativen Therapien. Ohne ein Verständnis der lebenden Matrix können viele wunderbare Therapien nur in einer Art Niemands-
land herumtreiben, mit wenigen oder gar keinen logischen Mög-
lichkeiten, durch die moderne Forschung einen Boden zu bekom-
men; die Verbindungen mit der modernen wissenschaftlichen Medizin erscheinen dürftig. Durch das Studium der Kommunika-
tion in der lebenden Matrix fügen wir eine bedeutsame Brücke hinzu, die uns ein neues Verständnis und neue Möglichkeiten für Patienten, Forscher, Therapeuten und Virtuosen aller Richtungen eröffnen kann. Neue Forschungen über Akupunktur, die weiter unten beschrieben werden sollen, haben dem Kontinuum-
Konzept eine substantielle Basis verschafft.
Die lebende Matrix gibt uns auch die Grundlage für spontane Heilungen, dem Thema von Andrew Weils Bestseller (Weil 1995). Medizinern ist aufgefallen, dass schwer verletzte oder kranke Menschen gelegentlich vollständig gesunden, und zwar nahezu augenblicklich. Weils Folgerung:
...alle Schaltpläne und die Maschinerie sind da;
das Problem liegt einfach darin herauszufinden,
wie man den richtigen Schalter andreht, um den Vorgang zu aktivieren.
Ein Verständnis der Schaltpläne und Schalter entsteht an der Schnittstelle zwischen konventioneller biomedizinischer Forschung und komplementären sowie alternativen Therapien.
Die Idee vom Organismus als einem lebenden Energiekreislauf liegt der Akupunktur-Theorie zu Grunde, und eine wissenschaft-
liche Gültigkeitserklärung begann in den 1970er Jahren aufzu-
tauchen. Im wesentlichen hat jeder Therapeut Erfahrungen gemacht, bei denen die Hauptschalter in diesem Schaltplan durch winzige Energiebeträge aktiviert wurden. Die Wissenschaft erkennt die angemessene Intensität, Frequenz und andere Eigenschaften, die benötigt werden, um die Heilreaktion zu aktivieren. Diese Entdeckungen sind hochwichtig für die Entwick-
lung neuer therapeutischer Apparate-Technologien und um die Grundlage der verschiedenen komplementären und alternativen Therapien zu verstehen.
Östliche Kampfkünste
Wertvolle Hinweise kommen von den Kampfkünsten. Wenn man die verschiedenen Praktiken anschaut, tut sich eine gewaltige Frage auf. Warum hat die Wissenschaft vermieden, diese bemer-
kenswerten Phänomene zu erforschen, die uns etwas tiefes über menschliche Wahrnehmung und Bewegung zu sagen scheinen? Eine neue und faszinierende Physiologie und Biophysik sind nötig um zu erklären, was in den Kampfkünsten vor sich geht.
Stanley Rosenberg in Dänemark verhalf mir freundlicherweise zu einer direkten Erfahrung mit einigen Kampfkunsttechniken, indem er mich einem erfahrenen Fachmann, Thor Philipsen, vorstellte. Diese Erfahrung war unersetzlich, um die Konzepte zusammen zu fügen, die ich zusammenfassen werde.
Ein Beispiel aus den Kampfkünsten verdeutlicht das Phänomen, das ich hier bespreche. Der Meister steht ruhig da; er sieht beinahe so aus, als würde er gleich einschlafen. Ganz gewiß ist er entspannt. Sein Schüler schleicht sich von hinten heran, um ihn gleich anzugreifen. Wie es in Aikido and the Harmony of Nature (Saotome 1986, 1993) und in anderen Arbeiten über die Kampfkünste beschrieben wurde, ist es üblich, dass der Student den Meister angreift, um die freilich köstliche und äußerst trans-
zendente Erfahrung zu haben, durch die Ewigkeit zu fliegen.
Unser Meister kann seinen Angreifer weder sehen noch hören oder riechen. Aber dann geschieht etwas bemerkenswertes. Der Angreifer fliegt plötzlich quer durch den Raum. Darüber befragt, berichtet der Meister, dass er weder der Herausforderung noch seiner Reaktion bewusst war, bis er seinen Gegner durch die Luft fliegen sah. Mit anderen Worten, der gesamte Vorgang des den Angriff ´Spürens` und der Reaktion fand statt, bevor das neuro-
logische Bewusstsein die Gelegenheit hatte zu registrieren, dass irgendetwas geschah.
Ich interpretiere diese Geschichte so, dass der Meister meditier-
te und bestimmte Bewegungen praktizierte, die schrittweise das in ihm aktivierten, was ich als sein ´Bindegewebs-Bewußtsein` bezeichne. Sein Bindegewebssystem, das als sensitive ´Antenne` wirkte, um die in seiner Umgebung anwesenden Energien zu entdecken, spürte den Angreifer auf, verarbeitete die Information und handelte entsprechend durch eine Bewe-
gung, bevor der Meister bewusst gewahr wurde (im neurologi-
schen Sinn des Begriffs ´gewahr`), dass irgendetwas vor sich ging. An der Bewegung sind keine Gedanken beteiligt, sie wird nicht über neuromuskuläre Bahnen aktiviert und ist anstren-
gungslos (beansprucht keine Stoffwechselreserven).
Wenn man ihn nach seinen Fähigkeiten fragt, sagt der Meister vielleicht, ´Ich kann Sie immer berühren, aber Sie können mich nie berühren, weil ich die Zeit beherrsche`. Mit dieser Behaup-
tung versucht der Meister, uns das Konzept einer zeitlichen Welt zu vergegenwärtigen, die dem normalen neurologischen Bewusstsein voraus ist. Diese Welt ist näher an der ´Wirklichkeit` als neurologisches Bewusstsein:
Bewusstsein hinkt hinter dem her, was wir
Wirklichkeit nennen.Wir benötigen eine halbe
Sekunde, bis uns etwas bewusst wird, aber so
nehmen wir es nicht wahr. Ausserhalb unseres
bewussten Gewahrseins ordnet eine weit ent-
wickelte Illusion die Ereignisse in der Zeit
neu an.
Tor Nørretranders (1998)
Diese zeitlose ´andere Welt` ist der Bereich derer, die verschie-
dene altehrwürdige spirituelle Praktiken ausüben. Einer der Namen, der diesem Zustand gegeben wird, ist ´uraltes Bewusst-
sein`(s. z.B. Guenther 1976). Für u.a. den Hellsichtigen, Mysti-
ker und Schamanen ist es der Ort, wo man die greifbaren Wur-
zeln oder die Quellen der Dinge und Ereignisse finden kann, die in der gerade erst hervortretenden Welt Erscheinung werden. Die meisten von uns leben in einer Welt, die bereits hervorgetreten ist, und haben wenig Erfahrung von ihrer Entstehung oder Kontrolle über sie.
Eine andere Art von Kampfkünsten, die Thor Philipsen prakti-
ziert, beinhaltet sehr schnellen Nahkampf. Wie beim vorherigen Beispiel sind keine Gedanken beteiligt. Die Handlungen gesche-
hen viel zu schnell, um bewußt Entscheidungen zu treffen. Sollte sich einer der Kämpfer auch nur für den Bruchteil einer Sekunde einem Gedanken hingeben, so wird sein Gegenspieler schnell und automatisch Vorteile daraus ziehen.
Menschliche Leistung: systemische Kooperation
Ein größerer Einfluß auf diese Forschung ereignete sich, als ich Jeff Spencer, DC, traf, einen Experten im Bereich athletischer Spitzenleistungen sowie der Prävention von und der Wiederher-
stellung nach Sportverletzungen. Viele berühmte Athleten zählen zu Jeffs Klienten, einschließlich Lance Armstrong, der gerade um seinen 5. Tour de France Sieg kämpft, während ich dies schreibe.
Von Jeff erfuhr ich, dass Athleten, Couches, Trainer und Thera-
peuten, die mit Sportverletzungen arbeiten, ein tiefes und an-
haltendes Interesse an Energie-Medizin haben. Laut Jeff wurde das erste Buch zu diesem Thema, Energy-Medicine: The Sientific Basis, zur Hauptquelle für neue Einsichten, wie sich Leistungen verbessern und wie sich Verletzungen schneller heilen lassen.
Schließlich fiel mir auf, dass athletische Spitzenleistung etwas mit therapeutischer Gipfelerfahrung gemeinsam hat. Obwohl es nicht leicht ist, diese besonderen Augenblicke in Worte zu fassen, werde ich es dennoch versuchen. Athleten erzählen oft davon, ´in dem Bereich` zu sein. Ein Athlet, Denis Parker, das Wunderkind im Jugend-Bogenschießen, beschrieb es mit ´ Es ist, als würde man darüber nachdenken, wie die Welt begann` (zitiert in Shainberg 1989). Und Therapeuten erleben Augen-
blicke, in denen die Zeit anzuhalten scheint, Grenzen sich auf-
lösen, das Licht sich ändert und alles möglich wird.
Ein gemeinsamer Nenner dieser Gipfelerlebnisse ist, was ich nun als ´systematische Kooperation` bezeichne. Das ist ein Zustand des Bewusstseins und des Körpers, in dem alle Teile miteinan-
der verbunden sind und an allem teilhaben, was immer auch getan wird.
Der Begriff ´Strukturelle Integration` lässt das Bild eines Organismus entstehen, in dem alles vollständig miteinander verbunden ist, so dass jedes Gewebe, jede Zelle, jedes Molekül, jedes Atom, jedes subatomare Teilchen und der Raum zwischen ihnen an allem teilhaben können, was immer der Organismus auch macht. Nicht nur, dass alles mit allem anderen verbunden ist, sondern es finden sich auch bemerkenswerte Eigenschaften, die daraus hervorgehen: Integration und Kohärenz. Die verschie-
denen Teile des strukturellen Kontinuums arbeiten geschmeidig und effizient zusammen. Und der Organismus und seine Umge-
bung werden völlig eins:
Das kohärente Selbst verbindet sich mit der
Umgebung, so dass man die Umgebung in
dem Masse beherrscht, wie man empfänglich
ist.
-Mae-Wan Ho
Ich glaube, dass Rolfing®/Strukturelle Integration und viele andere Techniken das ´kohärente Selbst`, auf das sich Mae-
Wan bezieht, organisieren und integrieren. Der Organismus ist ein System, das durch regelmäßiges Üben organisiert und fähiger wird, einschließlich ´mentaler Übungen`, bei denen man sich Bewegungen vorstellt, sich aber real nicht bewegt. Im wesent-
lichen gibt die lebende Matrix ´Obacht` und richtet ihre energe-
tischen und Informationsbahnen an den verschiedenen vor-moto-
rischen Potentialen aus, die durch das Denken an eine Bewegung hervorgerufen werden. Diese werden Prä-Potentiale oder Bereit-
schaftspotentiale genannt, und sie treten mindestens eine Sekunde eher auf, als ein Aktionspotential erzeugt wird.
Anders gesagt können das Bindegewebe oder das Kontinuum-
Bewußtsein den Organismus durch kreative Imagination auf das vorbereiten, was kommen wird. Wenn das ´Unbewußte` kohärent wirkt, lässt es fehlerfreie Einsichten und Intuitionen spontan auftauchen. Diese Augenblicke treten gewöhnlich dann auf, wenn man gerade ´nicht denkt`.
Akupunktur
Bis vor kurzem gab es keine greifbaren Bindeglieder zwischen Akupunktur und moderner Wissenschaft. Dank der Arbeit einer Anzahl von einzelnen Forschern, von denen ich einige kurz erwähnen werde, erhalten wir ein viel klareres Bild des Akupunktur/Meridian-Systems, seiner Verbindung zum Bindegewebe und seiner Aufgabe in einer großen Vielzahl von Therapieformen. Das Konzept der leben-
den Matrix bietet ein vereinheitlichendes Diskussionsthema.
Die Triftigkeit der Konzepte von lebender Matrix und Kontinuum-Bahnen stammt aus der Forschung von Dr. Joie Jones und seinen Kollegen in Irvine, Kalifornien. Sie entdeckten, dass die Stimulierung seh-
bezüglicher Akupunkturpunkte an der Aussenseite des Fußes sehr schnell neu-
rale Stromkreise in den Stirnlappen des Gehirns aktiviert (Zeichnung 3). Diese Aktivierung wird mit funktionaler Magnet-Resonanz-Bildgebung gemessen (fMRI) (Cho et al 1998, Jones 2001).
Neue, bisher nicht publizierte Studien haben gezeigt, dass das Signal vom Fuss zum Gehirn sich weitaus schneller bewegt als Nervenimpulse (Jones 2003). Genau gesagt benötigt ein Licht-
reiz 250 Millisekunden (1/4 Sekunde), um Neuronen in der visu-
ellen Hirnrinde zu aktivieren, die sich nur wenige Zentimeter hinter der Netzhaut befindet. Im Vergleich dazu werden nur 7 Mikrosekunden benötigt, um ein Signal vom Fuß zur Hirnrinde zu registrieren, eine Distanz von mehreren Metern, je nach Größe der Person. Die Verzögerung von 7 Mikrosekunden ist die Ober-
grenze für die Übertragungsgeschwindigkeit; tatsächlich ist sie die Auflösungsgrenze für das funktionale Magnet-Resonanz-
Bildgebungsgerät. Natürlich vermute ich die lebende Matrix als Medium der Informationsübertragung. Jedenfalls öffnet dieser Ansatz die Tür zu Studien über die Natur und Geschwindigkeit nicht-neuraler Kommunikation im Körper.
Akupunktur und Bindegewebs-Energetik
Kürzlich haben Helene Langevin und ihre Kollegen am Vermont Medical College eine Reihe von sorgfältigen Studien über die physikalischen Aspekte des Nadelsetzens in der Akupunktur begonnen. (Langevin et al 2001). Die Forschung liefert wichtige Hinweise über das lebendige Material, in das die Nadel gesetzt wird : das fortlaufende Bindegewebs/zellskelettale System, das unter dem Namen lebende Matrix zusammen gefaßt wird.
Ein Phänomen, von dem wieder und wieder während Akupunktur-
behandlungen berichtet wird, heißt de qi. Es besteht aus einer charakteristischen Empfindung, einem Schmerz oder einer Schwere im umliegenden Gebiet, die der Patient wahrnimmt, und einem ´Nadel-Griff`, den der Akupunkteur wahrnimmt.
Der ´Nadel-Griff` ist besonders spürbar, wenn der Akupunkteur die Nadel manipuliert, um eine maximale Wirkung zu erzielen. Die Nadel wird entweder in verschiedene Richtungen gedreht oder auf und ab bewegt. Über die Jahrtausende haben klassische Texte eine Art von ´Zug` an der wohl platzierten Nadel be-
schrieben. Der Effekt ist besonders spürbar als ein ´tenting`
(zurückhalten), wenn die Nadel herausgezogen wird.
Langevin und Kollegen berichteten von histologischen Studien, die zeigen, dass Nadeln eine umschriebene Verdickung der subkutanen Bindegewebsschicht im Bereich um die Nadeln herum hervorrufen. Elektronenmikroskopische Studien von Resten an den Nadeln nach Einstich, Manipulation und Entfer-
nung offenbaren elastische und kollagene Fasern um die Nadel herum (Kimura et al 1992). Quantitative Studien, die von Computern gesteuerte Nadelungsgeräte verwendeten, bestätig-
ten, dass die ´Herauszieh-Kraft` nach der Nadeldrehung im Vergleich zur Setzung ohne Drehung signifikant größer ist (Langevin et al 2001).
Übereinstimmend wird beobachtet, dass die zur Drehung der Nadel benötigte Kraft im Verlauf der Drehung kontinuierlich zunahm. Es scheint daher, dass die Nadel die Bindegewebs-
fasern erfasst, die dann um die Nadel herumgewickelt werden, wenn sie gedreht wird (Zeichnung 5). Histologische Studien bestätigten, dass nach der Nadeldrehung die Kollagenbündel gerader und zunehmend paralleler zu einander werden. Gleich-
zeitig richten sich Fibroblasten an den Kollagenfasern aus. Und Fibroblastzellen ändern ihre Form von rund zu spindelähnlich. Eine Minute nach der Drehung weisen die Zellen ein erhöhte Färbung für polymerisiertes filamentäres Aktin auf, was bestätigt, dass eine zelluläre Reaktion statt gefunden hat.
Der Mechanismus, durch den Spannung auf der lebenden Matrix zelluläre Prozesse aktiviert, wurde sorgfältig von Ingber und seinen Kollegen in ihren Studien ausgearbeitet, indem sie bauli-
che Veränderungen auf biochemische Ereignisse bezogen ( z.B. Chicurel et al 1998). Die Signalkaskade, die an den Wirkungen von Akupunkturnadelung und Drehen beteiligt ist, sieht daher folgendermaßen aus:
● Nadelsetzung
● Nadeldrehung
● Anhaften von Kollagen- und Elastinfasern an der Nadel
● mechanisches Ziehen an der extrazellulären Matrix
Zeichnung 5
● Ziehen an fokalen Anhaftungen an Fibroblastzell-Oberflächen
● Aktivierung von fokaler Adhäsions-Kinase (ein Rezeptor)
● Aktivierung intrazellulärer Signal-Pfade
● Aktivierung einer Vielzahl von Zellaktivitäten
Die Forschung von anderen Wissenschaftlern, die in den Schrif-
ten von Langevin und Kollegen zitiert werden, haben eine Viel-
zahl von zellulären Reaktionen auf mechanische Reizung ge-
zeigt, einschließlich Zellkontraktion, Migration, Proteinsynthese und der Bildung von Myofibroblasten (z.B. Desmouliere und Gabbiani 1994). Die Reaktionen umfassen Synthese und Frei-
setzung von Wachstumsfaktoren, Zytokinese, gefässaktive Substanzen, degradative Enzyme und strukturelle Matrixmoleküle.
Daher haben wir jetzt eine einleuchtende wissenschaftliche Erklärung für die Wirkungen der Akupunkturnadeln auf das Milieu, in dem Wundheilung und Gewebereparatur stattfinden. Vorteilhafte Veränderungen der Umgebung, in der zelluläre Aktivitäten stattfinden, und Stimulation der Zellen selbst sind logische Folgen. Eine einzige Nadel kann große Mengen an nahe gelegenen Fibroblasten beeinflussen, und diese Wirkungen können eine Welle an Matrix-Deformation und Zellkontraktion hervorrufen, die sich durch das interstitielle Bindegewebe über eine gewisse Entfernung ausbreitet. Patienten beschreiben oft, wie sich während der Nadelung die Empfindung von de qi entlang der Meridiane ausbreitet.
In weiteren Arbeiten betrachteten Langevin et al (2002) Binde-
gewebsmuster nach der Nadelung. Sie verwendeten Ultraschall skandierende akustische Mikroskopie und Licht-Mikroskopie von festen, eingebetteten und gefärbten Bindegewebsschnitten, die genadelt waren, wobei die Nadel rotierte. Die Mikrographien zeigten ein wirbelartiges Muster, das die Spannungsmuster wiedergab, die die rotierende Nadel im Gewebe verursachte.
Die Bedeutung dieser Beobachtungen für diejenigen, die mit Bindegewebe arbeiten, liegt darin, dass Druck oder Dehnung entlang der faszialen Ebenen allem Anschein nach Zellen dehnt und ihre inneren Mechanismen in Gang setzt.
Schließlich berichteten Langevin und Yandow (2002) über die Beziehung von Akupunkturpunkten und Meridianen zu Bindege-
webspunkten. Ihre Studie, Relationship of acupuncture points and meridians to connective tissue points wurde in The Anatomical Record wiedergegeben.
Die Forschung befasste sich auch damit, die Lage von Akupunk-
turpunkten und Meridianen in Querschnitten durch den mensch-
lichen Arm zu kennzeichnen. Sie benutzten Bilder aus der National Library of Medicine´s Visible Human Project. Sie verwendeten klassische Akupunkturtafeln und lokalisierten 24 Punkte entlang 6 Meridianen auf dem Oberarm.
Diese Entdeckung lässt vermuten, dass die
Lokalisierung von Akupunkturpunkten, die
von den alten Chinesen empirisch bestimmt
wurden, auf dem Abtasten bestimmter Stellen
oder ´Löcher` beruhte, wo die Nadeln Zugang
zu grösseren Mengen an Bindegewebe haben.
´Wir postulieren, dass Akupunkturpunkte Umwandlungsstellen in einem Netzwerk von Bindegewebe entsprechen, das den ganzen
Körper durchzieht, analog zu Kreuzungen von Landstrassen in einem Netzwerk von Strassen
erster und zweiter Ordnung`... Wir postulieren,
dass die Manipulation mit Akupunkturnadeln
zelluläre Veränderungen bewirkt, die sich ent-
lang Bindegewebsebenen ausbreiten.
Langevin und Yandow (2002)
Diese Konzepte verbinden sich ausgezeichnet mit den Gedanken dieses Aufsatzes. Noch mehr regt mich an, dass sie auch mit den Beobachtungen konvergieren, die der Rolfer Stanley Rosenberg seit vielen Jahren untersucht. In anderen Artikeln in diesem Journal dokumentiert Stanley seine Beobachtungen.
“Die Akupunkturpunkte fühlen sich wie Vertiefungen
an, die es mir erlauben, mehrere Bindegewebs-
schichten auf einmal zu berühren. Es fühlt sich an,
als stecke man den Finger in einen Kegel. Anfangs
ist mehr Spannung im Gewebe, wenn man versucht,
den Finger in die eine Richtung im Vergleich zur entgegengesetzten Richtung zu drehen. Nachdem
sich das Gewebe entspannt hat, ist der Widerstand
gegen das Drehen in beide Richtungen gleich.”
Meridiane als anatomische Züge
Die antiken Akupunkturkarten von Punkten und Meridianen wer-
den daher wohl den Bereichen innerhalb der Faszien entspre-
chen, die besonders leitfähig für die Wellen aus Verformung und Aktivierung sind, wie sie eben beschrieben wurden. Ein Bild von der Weise, wie sich die Stimulierung durch Akupunktur durch den Körper ausbreitet, kann man durch das Studium der sogenannten Anatomischen Züge (anatomy trains) oder myofaszialen Meridi-
ane erhalten, von denen viele den klassischen muskulotendinö-
sen Meridianen folgen (Myers 2001). Wie von Myers und in Deane Juhans Vorwort beschrieben, sind die anatomischen Züge Verbindungen von Faszien und Knochen, die sich durch den Körper winden und den Kopf mit den Zehen und das Innerste mit der Peripherie verbinden. Hier handelt es sich um die Hauptlinien innerhalb der lebenden Matrix, die die Gravitations- und musku-
lären Kräfte orchestrieren, die an allen Bewegungen beteiligt sind.
In Jahren praktischer Arbeit am Körper hat Myers eine enorme Menge an anatomischen Einzelheiten in ein einfaches Gitterwerk aus Spannungsbändern destilliert, die an jeder Haltung, Bewe-
gung und Emotion beteiligt und die auch die Orte sind, von denen muskuloskelettale Schmerzen und Störungen ausgehen.
Schlussfolgerungen
Zusammenfassung: Die Bilder, die Langevin und ihre Kollegen entwickelten, erklärten die unmittelbaren Wirkungen der Aku-
punkturnadelung; Ingbers Gruppe entwickelte die Verbindung zwischen Gewebe, Zellarchitektur und Biochemie; die globale Verbundenheit veranschaulichte Myers. Sie alle geben uns einen mächtige Sammlung von konzeptionellen Werkzeugen zur Analy-
se der menschlichen Form, Funktion, Bewegung und Emotion in Gesundheit und Krankheit. Von gleicher Wichtigkeit ist die Bedeutung all dieser neuen Einsichten für jene, die ihre Körper in neue Bereiche menschlicher Aktivität führen möchten, in Kunst, Sport, Tanz oder Beruf. Sogar noch grössere Möglichkei-
ten zeichnen sich ab, wenn man die Weisen erwägt, wie diese Bilder zu einem inneren Empfinden unserer selbst als integrierte Wesen beitragen können, die zu Wundern an Anpassung und Selbstheilung fähig sind. Dadurch, dass wir dieses Netzwerk erleben, sind wir in der Lage, mit der vollen Reichweite, dem Umfang und dem Potential der kinästhetischen Intelligenz in Berührung zu kommen, die unser Geburtsrecht ist.
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Angaben zu den beiden neuen Büchern von James Oschman finden Sie unter Literatur.
James Oschman
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web: http://www.energyresearch.bizland.com
aus dem Amerikanischen von Rolf Gleichmann,
mit freundlicher Genehmigung von James Oschman